Der Kriegsberichterstatter
März 29, 2026Er war Kriegsberichterstatter, aber es gab keinen Krieg mehr. Der Krieg war einfach… verschwunden. Wie ein Geräusch, das man jahrelang im Hintergrund erträgt und eines Morgens bemerkt, dass es nicht mehr da ist. Niemand konnte genau sagen, wann es aufgehört hatte. Es gab keine letzte Explosion, keinen letzten Schuss. Nur Stille. Er blieb trotzdem. Er wohnte in einem kleinen Hotelzimmer am Rand einer Stadt, die früher einmal umkämpft gewesen war. Die Einschusslöcher waren noch da, aber sie wurden inzwischen von Pflanzen überwuchert, als hätte die Natur beschlossen, die Geschichte langsam zu verschlucken. Morgens ging er hinaus, setzte sich in ein Café, bestellte einen Kaffee Crema und wartete. Worauf, wusste er nicht genau. Manchmal öffnete er sein Notizbuch. Die Seiten waren voll mit präzisen Beschreibungen von Dingen, die es nicht mehr gab: Rauch, der nach Metall schmeckte. Schritte in zerborstenen Treppenhäusern. Stimmen, die nur noch flüsterten, weil Lautstärke gefährlich war. Jetzt hörte er wieder laute Stimmen. Menschen lachten. Es irritierte ihn. Eines Tages traf er eine Frau im Café. Sie setzte sich einfach zu ihm, ohne zu fragen, als wäre das selbstverständlich. „Sie schreiben immer noch über den Krieg“, sagte sie. Er blickte auf sein Notizbuch. „Ich versuche es.“ „Aber es gibt keinen Krieg mehr.“ Er nickte. „Das macht es schwierig.“ Sie lächelte auf eine Weise, die weder freundlich noch unfreundlich war. Eher so, als hätte sie etwas verstanden, das ihm entgangen war. „Vielleicht schreiben Sie nicht über den Krieg“, sagte sie. „Vielleicht schreiben Sie darüber, dass er fehlt.“ Das gefiel ihm nicht. Es klang zu endgültig. In den folgenden Tagen begann er, seltsame Dinge zu bemerken. Ein Mann an der Bushaltestelle trug einen Helm, obwohl es sonnig war. Ein Kind zeichnete Panzer, die aussahen wie Tiere mit zu vielen Beinen. Nachts hörte er manchmal ein fernes Grollen, das nicht von Gewittern stammen konnte. Er schrieb alles auf. Eines Abends folgte er dem grollenden Geräusch. Es führte ihn aus der Stadt hinaus, über ein Feld, das sich im Wind bewegte wie Wasser. In der Mitte des Feldes stand ein alter Radiosender, verlassen, mit rostigen Antennen, die in den Himmel ragten. Die Tür war offen. Drinnen roch es nach Staub und etwas Vertrautem, das er nicht sofort benennen konnte. Vielleicht Angst. Vielleicht Erinnerung. Ein schwaches Signal kam aus einem der Geräte. Ein Flüstern, kaum hörbar. Er drehte an den Reglern, bis die Stimme klarer wurde. „…Bericht aus dem Sektor… schwere Verluste… Position halten…“ Er erstarrte. Die Stimme war seine eigene. Er hörte sich selbst, wie er über einen Angriff berichtete, den er längst vergessen hatte. Jeder Satz war exakt, nüchtern, ohne Emotion. So hatte er immer gesprochen. Er drehte weiter. Andere Frequenzen. Andere Berichte. Explosionen. Schreie. Koordinaten. Der Krieg war nicht verschwunden. Er war nur verschoben worden. Gespeichert in diesem Gebäude, in diesen Geräten, in den Stimmen derer, die ihn beschrieben hatten. Ein Archiv aus Geräuschen, das darauf wartete, wieder gehört zu werden. Die Frau aus dem Café stand plötzlich hinter ihm. „Jetzt verstehen Sie es“, sagte sie leise. „Was ist das hier?“ fragte er. „Das, was übrig bleibt, wenn etwas endet, ohne wirklich zu enden.“ Er dachte darüber nach. Es fühlte sich korrekt an, auf eine unbequeme Weise. „Und was passiert, wenn man es weiter abspielt?“ Sie zuckte mit den Schultern. „Vielleicht beginnt es wieder.“ Er sah auf die Regler. Seine Finger zögerten. Draußen war es still. Ein tiefer, vollständiger Frieden, der fast unwirklich wirkte. Drinnen wartete der Krieg, geduldig wie ein Tier im Schlaf.
Er schloss die Augen.
Dann drehte er langsam den Ton lauter.

